Vor Ort in Nigeria 2021

Das größte Projekt und die langfristig wichtigste Aufgabe von Olileanya e.V. ist die finanzielle und organisatorische Unterstützung der Vor-Ort-Arbeit in Emene/Nigeria von Gabi Ayivi (siehe Seite Projekte).

Gabi Ayivi ist 1. Vorsitzende von Olileanya e.V. und hat Ende 2013 altersbedingt  ihre Erwerbstätigkeit in Deutschland beendet. Dabei von Ruhestand zu sprechen wäre denkbar unpassend. Sie ist im Mai 2014 nach Emene/Nigeria übersiedelt und hat dort aktuell 17 Kinder und Jugendliche bei sich aufgenommen. 

Olileanya e.V. wird für die Kinder Patenschaften in Deutschland vermitteln, aktuell und regelmäßig aus Emene berichten sowie für die Unterbringung und Ausbildung der Kinder Spenden sammeln.











Das Tor zum Hause "Nno" = Willkommen

Das Gebäude befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Announciation Specialist Hospital in Emene, Enugu, Nigeria


Rundbrief vom Januar 2021               Noch in Arbeit; Stand 13.1.2021

Liebe Freundinnen, liebe Freunde, liebe Unterstützerinnen und Unterstützer von Olileanya, liebe alle, die uns entweder ganz gezielt aufrufen oder aus Versehen auf der Suche nach irgendwas über unsere Website stolpern und – glücklicherweise – darin hängen bleiben. 

Ein Bericht über den wilden Südosten Nigerias ist längst überfällig, ich weiß. Und ich bin sehr zerknirscht, dass ich wegen der schrecklichen Ereignisse der letzten Monate nicht in der Lage war, einen solchen zu verfassen. Wobei ich ein weiteres Mal betonen muss: Covid-19 war unser kleinstes Problem. Es fand in unserer unmittelbaren Umgebung schlichtweg nicht statt. Man mag es ungläubig zur Kenntnis nehmen angesichts der Ereignisse in Europa und anderen Teilen der Welt, aber im Hospital in Emene wurde kein einziger Verdachtsfall registriert. Die ganz große Katastrophe, die ja buchstäblich über Afrika heraufbeschworen wurde, blieb in Nigeria aus. 

Ich sehe mich außerstande, die sich zum Teil überschlagenden Ereignisse in einen einzigen Rundbrief zu packen. Deshalb habe ich mich entschlossen, diesen aufzuteilen und in Raten anzuliefern. Nur so ist gewährleistet, dass die Dinge gemäß ihrem Stellenwert, die positiven, die mich stärken, und die schrecklichen, die mich fassungslos machten, zu kommentieren. Schließlich tragen Sie / tragt Ihr maßgeblich durch Ihre / Deine Begleitung, sei sie spirituell oder finanziell, zu unserer Existenz bei. 

Deshalb fange ich mit dem an, was aktuell das Wichtigste ist: ich wünsche allen ein gutes Neues Jahr mit ganz viel Zuversicht, mit Gesundheit, Lebensfreude und der nötigen Gelassenheit trotz der bestehenden Einschränkungen.

Gabi Ayivi mit allen Bewohnern des Hauses „Nno“ sowie Dr. Aninwada, unserem Hausarzt.
07.01.2020



Fortsetzung Rundbrief Januar 2021:

Das Haus „Nno“ in Google Maps

OLILEANYA20-28 Annunciation Rd, Emene, Enugu, Nigeriahttps://maps.app.goo.gl/ny8QXu18xZX4Dch37

Grundsätzlich begegne ich der aktuellen Situation – wie der vor ca. zwei Wochen auch in Nigeria offiziell bestätigten „zweiten Welle“ - mit wesentlich mehr Gelassenheit als noch im Frühsommer 2020. Zu viel ist in den letzten Monaten passiert. Das hat dazu geführt, zur Kenntnis zu nehmen, dass es neben Covid-19 so viele Dinge gibt, die mich dazu zwingen, sie zur Kenntnis zu nehmen. Und die klar machen, dass es niemandem nutzt, wenn man sich nur auf ein Thema konzentriert. Im Verlauf dieses Rundbriefes wird deutlich, dass nichts gesondert betrachtet werden kann. Eines bedingt das andere, früher oder später.

Wir beschäftigen uns in erster Linie in unserer Sandpiste, die immer noch keinen Namen trägt, mit dem Haus Nno, das immer noch keine Nummer hat. Aber es ist weltweit leicht unter Google Map zu finden, wie ein sehr interessierter Leser dokumentiert hat:


Ab dem 04.06.2020 hatten wir die Kinder aus den verschiedenen Dörfern wieder eingesammelt, nachdem auch die Grenzen zu den benachbarten Bundesländern wieder passiert werden durften. Der erste, virusbedingte lockdown wurde für beendet erklärt.

Nochmal: wir sind alle seit dem Frühso mmer 2020 gesund in das Neue Jahr gekommen bis auf drei Einschränkungen:

Chibuike erkrankte unmittelbar nach der Rückkehr an einer akuten Blinddarmentzündung und wurde im Juli operiert.

Bild rechts: Chibi nach überstandener OP





Auch Spulwürmer und – Himmel hilf! – Scabies wurden eingeschleppt und machten uns das Leben schwer. Dem Gewürm wurde sehr schnell der Garaus gemacht, die Scabies halten sich bei vier der Kinder trotz aller Bemühungen bis heute hartnäckig.

Die Schulen waren bis zum September 2020 geschlossen. Von unserer Schule wurde ab September gemäß dem Vorbild der westlichen Welt stufenweise ein Internet-Unterricht angeboten, sehr zur Begeisterung der großen Kinder – endlich mal surfen satt! Für die Kinder der Primary-School fand Präsenz-Unterricht am Esszimmertisch statt, meist unter Leitung von Chioma. Und die Hüpfer im Kindergartenalter genossen die große Freiheit. Und auch der riesige Sandkasten um’s Haus regt zu Schreibübungen an.

Bilder von links nach rechts: Lektüre der Märchenbücher, Izu schläft, Favour übt Schreiben.

Joy erteilt Rechnen-Unterricht im Esszimmer: 


Grundsätzlich machte die Beschränkung auf die häusliche Umgebung erstaunlich wenig Probleme. Die Kinder konnten sich sehr gut alleine beschäftigen, nach der langen Abwesenheit waren auch die Spielsachen – Puzzle, Bilderbücher, Lego und Co. – wieder interessanter geworden.

Die Tischtennisplatte ist im Dauereinsatz und vor dem Tor finden erbitterte Kämpfe um einen mittlerweile absolut ramponierten Fußball statt. Jeden Sonntagnachmittag gibt es ein Turnier mit Jugendlichen aus der näheren Umgebung, der Lärmpegel steigt bis auf das Niveau des Stadions in Freiburg.


In der unaufgeregten Atmosphäre mit sehr reduzierten Außenkontakten kamen alle zur Ruhe. Zur Verblüffung von Chioma und mir 

hatte Joy ihre aggressiven Ausfälle völlig abgelegt. Aus dem Dorf ist ein ausgeglichenes Mädchen zurückgekehrt, das den Kleinen gegenüber die Haltung der großen Schwester entwickelt hatte. Außerdem hat sie endlich den Ehrgeiz entwickelt, lesen lernen zu wollen und übt heimlich, still und leise Texte, die sie dann in der Gruppe vorträgt.

Bild rechts: Joy


Ab dem 07.10.2020 wurden in Enugu State die Schulen wieder geöffnet, die Kindergartenkinder blieben weiterhin zu Hause.

Leider währte dieser Einstieg in die Normalität nur wenige Tage. Zunächst unbemerkt in unserer Provinz erlebte die bereits im Jahr 2017 gegründete #EndSars-Bewegung einen neuen Aufschwung (siehe auch Wikipedia). Zu diesen Ereignissen werde ich später gesondert Stellung nehmen.

Nachdem die Welle der Gewalt Mitte Oktober auch in Enugu State angekommen war, mussten die Schulen erneut geschlossen werden, es gab Ausgangssperren, die von der Praxis her zu einem weiteren lockdown führten.

Erst Anfang November kehrte wieder etwas mehr Ruhe ein und wir können wegen der schulischen Entwicklung endlich ein „update“ machen: Irhuoma hat den Abschluss der Mittleren Reife mit sehr gutem Erfolg geschafft. Für sie ist jetzt erst mal Schluss mit Schule. Sie hat sich entschlossen, zunächst eine Lehre als Schneiderin zu absolvieren, um dann in eine Schule für Designer zu wechseln. Ich bin sehr froh über diese Entscheidung, die viel Überredung erforderte. Aber nur so ist gewährleistet, dass sie sich auch mit den praktischen Seiten dieses Berufes auseinandersetzt.

Inmitten all dieser Turbulenzen fiel uns ein Geschenk des Himmels zu Füßen: Unser Zwerg Promise schneite ins Haus, seine traurige Vorgeschichte habe ich bereits geschildert. Nahtlos hat er sich in der Gruppe großer Brüder und Schwestern eingenistet, ist everybodys darling.

Bild rechts: Promise Enoubu Eva



Tochukwu ist in gewohnter Weise herausragend, wurde Jahrgangsbester seiner Altersgruppe. Ifechukwu und Promise haben den Übergang zur Secondary School absolviert. Es wird sich zeigen, wie sich die Fehlzeiten von fast einem dreiviertel Jahr auf die Bewältigung des Lernstoffes auswirken.

Grundsätzlich ist alles in der Schwebe: Im Dezember wurde in Nigeria offiziell die „zweite Welle“ von Covid-19 bekannt gegeben. Vor wenigen Tagen teilte der Governor mit, dass die Schulen am 18.01.2021 wieder geöffnet werden – kurz darauf wiederum war im Internet zu lesen, dass es eventuell zu einem zweiten lockdown komme, wenn sich die Fallzahlen der Erkrankungen im Rahmen von Corona weiterhin so drastisch nach oben bewegen wie in den letzten Tagen. Im Klartext: Wir hängen in der Luft. Und das, obwohl wir nach wie vor von einer hohen Anzahl von Krankheitsfällen im Zusammenhang mit der Pandemie verschont blieben.

Für mich bedeutet das in erster Linie, dass im Haus Reparaturen ausgeführt werden können, solange die Kinder in den Weihnachtsferien bei ihren Familien sind. Endlich kehren die Menschen aus dem Urlaub auf dem Dorf zurück und mit ihnen stehen auch die Handwerker parat, um Aufträge anzunehmen und auszuführen.

Eine grundsätzliche Erklärung ist noch fällig. In unserer ursprünglichen Planung war vorgesehen, dass das Haus „Nno“ für 8 – 10 Kinder konzipiert ist. Diese Planung wurde erstellt, als ich noch in Deutschland lebte. Bereits bei der Erteilung der Betriebserlaubnis durch das Ministry of Gender Affairs in Enugu wurde klar, dass Nigerianer eine etwas andere Sicht der Dinge haben. Der begutachtende Mensch zeigte sich erstaunt bei der Besichtigung der Örtlichkeiten. Er konstatierte, dass ich in jedes Bett mindestens 3 Kinder legen könne. Macht bei 10 Betten 30 Kinder. Mittlerweile sind wir bei 17 Kindern und Jugendlichen angekommen , dazu kommen noch Chioma und ich mit jeweils einem eigenen Zimmer. Oft entscheiden die Kinder selbst, wo sie schlafen möchten: wahlweise bei Chioma oder mir oder bei einem Geschwisterkind. Noch bekommen wir das ohne größere Gewissensbisse geregelt. Okwudili wird uns im April nach Beendigung seiner Schneiderlehre verlassen und seinen eigenen Hausstand gründen – so der aktuelle Plan. Es ist aber wahrscheinlicher, dass er in der Obhut seiner Mutter oder seiner Schwester eine Werkstatt eröffnet, das Alleineleben würde ihm schwerfallen. Auf jeden Fall wird dann ein Bett frei. Und im Moment bahnt sich ganz vorsichtig eine Lösung an, die all unsere Probleme langfristig lösen würde. Noch ist nichts entschieden, aber ich werde mich unmittelbar melden, in welche Richtung hier die Würfel fallen.

Äußerst erfreulich gestaltet sich auch die Arbeitsteilung. Alle Kinder absolvieren, ihrem jeweiligen Alter und Vermögen entsprechend, einen Dienst im wöchentlichen Wechsel, meist in Zweiergruppen. Dieser wird täglich absolviert in der Küche (fegen, Tisch decken, abwaschen und Geschirr aufräumen), Boden wischen, Hühnchen versorgen, im Außenbereich die Pflanzen wässern, Wäsche waschen. Der Samstag ist für mich der schönste Tag. Da vibriert das Haus, alles wuselt, es findet die Grundreinigung statt in allen Räumen. Und all das geht bei bester Laune vor sich, es wird auch gesungen und getanzt, wer Zeit hat, klimpert auf dem keyboard. Das highlight am Wochenende ist das sonntagabendliche Kochen, das unter meiner Obhut steht. Non-Igbo food ist angesagt. Überall da, wo Muskelkraft und der Einsatz von Gerätschaften gefragt sind, kommen die Jungs in Schwung. Eventuellen Zweiflern kann bereits im Vorfeld mitgeteilt werden: schwäbische Küche kommt nach anfänglicher Skepsis sehr gut an.



Tochukwu schert Haare,Chiadi schaukelt, Hilfe in der Küche


So anstrengend dieser große Haushalt zuweilen ist aufgrund des ständig mehr oder weniger vorhandenen Lärmpegels, dem Gefühl, stets parat stehen zu müssen für die verschiedenen Anliegen des Alltags, so befriedigend ist er. Es überwiegt das Gefühl, dass man (meist) am gleichen Strang zieht und sich bewusst ist, ein gemeinsames Ziel vor Augen zu haben.


Und hier geht´s zum FOTOALBUM zum Rundbrief vom Januar 2021