Vor Ort in Nigeria 2021

Das größte Projekt und die langfristig wichtigste Aufgabe von Olileanya e.V. ist die finanzielle und organisatorische Unterstützung der Vor-Ort-Arbeit in Emene/Nigeria von Gabi Ayivi (siehe Seite Projekte).

Gabi Ayivi ist 1. Vorsitzende von Olileanya e.V. und hat Ende 2013 altersbedingt  ihre Erwerbstätigkeit in Deutschland beendet. Dabei von Ruhestand zu sprechen wäre denkbar unpassend. Sie ist im Mai 2014 nach Emene/Nigeria übersiedelt und hat dort aktuell 17 Kinder und Jugendliche bei sich aufgenommen. 

Olileanya e.V. wird für die Kinder Patenschaften in Deutschland vermitteln, aktuell und regelmäßig aus Emene berichten sowie für die Unterbringung und Ausbildung der Kinder Spenden sammeln.











Das Tor zum Hause "Nno" = Willkommen

Das Gebäude befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Announciation Specialist Hospital in Emene, Enugu, Nigeria


Rundbrief vom Januar 2021        

Liebe Freundinnen, liebe Freunde, liebe Unterstützerinnen und Unterstützer von Olileanya, liebe alle, die uns entweder ganz gezielt aufrufen oder aus Versehen auf der Suche nach irgendwas über unsere Website stolpern und – glücklicherweise – darin hängen bleiben. 

Ein Bericht über den wilden Südosten Nigerias ist längst überfällig, ich weiß. Und ich bin sehr zerknirscht, dass ich wegen der schrecklichen Ereignisse der letzten Monate nicht in der Lage war, einen solchen zu verfassen. Wobei ich ein weiteres Mal betonen muss: Covid-19 war unser kleinstes Problem. Es fand in unserer unmittelbaren Umgebung schlichtweg nicht statt. Man mag es ungläubig zur Kenntnis nehmen angesichts der Ereignisse in Europa und anderen Teilen der Welt, aber im Hospital in Emene wurde kein einziger Verdachtsfall registriert. Die ganz große Katastrophe, die ja buchstäblich über Afrika heraufbeschworen wurde, blieb in Nigeria aus. 

Ich sehe mich außerstande, die sich zum Teil überschlagenden Ereignisse in einen einzigen Rundbrief zu packen. Deshalb habe ich mich entschlossen, diesen aufzuteilen und in Raten anzuliefern. Nur so ist gewährleistet, dass die Dinge gemäß ihrem Stellenwert, die positiven, die mich stärken, und die schrecklichen, die mich fassungslos machten, zu kommentieren. Schließlich tragen Sie / tragt Ihr maßgeblich durch Ihre / Deine Begleitung, sei sie spirituell oder finanziell, zu unserer Existenz bei. 

Deshalb fange ich mit dem an, was aktuell das Wichtigste ist: ich wünsche allen ein gutes Neues Jahr mit ganz viel Zuversicht, mit Gesundheit, Lebensfreude und der nötigen Gelassenheit trotz der bestehenden Einschränkungen.

Gabi Ayivi mit allen Bewohnern des Hauses „Nno“ sowie Dr. Aninwada, unserem Hausarzt.
07.01.2020



Fortsetzung Rundbrief Januar 2021:

Das Haus „Nno“ in Google Maps

OLILEANYA20-28 Annunciation Rd, Emene, Enugu, Nigeriahttps://maps.app.goo.gl/ny8QXu18xZX4Dch37

Grundsätzlich begegne ich der aktuellen Situation – wie der vor ca. zwei Wochen auch in Nigeria offiziell bestätigten „zweiten Welle“ - mit wesentlich mehr Gelassenheit als noch im Frühsommer 2020. Zu viel ist in den letzten Monaten passiert. Das hat dazu geführt, zur Kenntnis zu nehmen, dass es neben Covid-19 so viele Dinge gibt, die mich dazu zwingen, sie zur Kenntnis zu nehmen. Und die klar machen, dass es niemandem nutzt, wenn man sich nur auf ein Thema konzentriert. Im Verlauf dieses Rundbriefes wird deutlich, dass nichts gesondert betrachtet werden kann. Eines bedingt das andere, früher oder später.

Wir beschäftigen uns in erster Linie in unserer Sandpiste, die immer noch keinen Namen trägt, mit dem Haus Nno, das immer noch keine Nummer hat. Aber es ist weltweit leicht unter Google Map zu finden, wie ein sehr interessierter Leser dokumentiert hat:


Ab dem 04.06.2020 hatten wir die Kinder aus den verschiedenen Dörfern wieder eingesammelt, nachdem auch die Grenzen zu den benachbarten Bundesländern wieder passiert werden durften. Der erste, virusbedingte lockdown wurde für beendet erklärt.

Nochmal: wir sind alle seit dem Frühso mmer 2020 gesund in das Neue Jahr gekommen bis auf drei Einschränkungen:

Chibuike erkrankte unmittelbar nach der Rückkehr an einer akuten Blinddarmentzündung und wurde im Juli operiert.

Bild rechts: Chibi nach überstandener OP





Auch Spulwürmer und – Himmel hilf! – Scabies wurden eingeschleppt und machten uns das Leben schwer. Dem Gewürm wurde sehr schnell der Garaus gemacht, die Scabies halten sich bei vier der Kinder trotz aller Bemühungen bis heute hartnäckig.

Die Schulen waren bis zum September 2020 geschlossen. Von unserer Schule wurde ab September gemäß dem Vorbild der westlichen Welt stufenweise ein Internet-Unterricht angeboten, sehr zur Begeisterung der großen Kinder – endlich mal surfen satt! Für die Kinder der Primary-School fand Präsenz-Unterricht am Esszimmertisch statt, meist unter Leitung von Chioma. Und die Hüpfer im Kindergartenalter genossen die große Freiheit. Und auch der riesige Sandkasten um’s Haus regt zu Schreibübungen an.

Bilder von links nach rechts: Lektüre der Märchenbücher, Izu schläft, Favour übt Schreiben.

Joy erteilt Rechnen-Unterricht im Esszimmer: 


Grundsätzlich machte die Beschränkung auf die häusliche Umgebung erstaunlich wenig Probleme. Die Kinder konnten sich sehr gut alleine beschäftigen, nach der langen Abwesenheit waren auch die Spielsachen – Puzzle, Bilderbücher, Lego und Co. – wieder interessanter geworden.

Die Tischtennisplatte ist im Dauereinsatz und vor dem Tor finden erbitterte Kämpfe um einen mittlerweile absolut ramponierten Fußball statt. Jeden Sonntagnachmittag gibt es ein Turnier mit Jugendlichen aus der näheren Umgebung, der Lärmpegel steigt bis auf das Niveau des Stadions in Freiburg.


In der unaufgeregten Atmosphäre mit sehr reduzierten Außenkontakten kamen alle zur Ruhe. Zur Verblüffung von Chioma und mir 

hatte Joy ihre aggressiven Ausfälle völlig abgelegt. Aus dem Dorf ist ein ausgeglichenes Mädchen zurückgekehrt, das den Kleinen gegenüber die Haltung der großen Schwester entwickelt hatte. Außerdem hat sie endlich den Ehrgeiz entwickelt, lesen lernen zu wollen und übt heimlich, still und leise Texte, die sie dann in der Gruppe vorträgt.

Bild rechts: Joy


Ab dem 07.10.2020 wurden in Enugu State die Schulen wieder geöffnet, die Kindergartenkinder blieben weiterhin zu Hause.

Leider währte dieser Einstieg in die Normalität nur wenige Tage. Zunächst unbemerkt in unserer Provinz erlebte die bereits im Jahr 2017 gegründete #EndSars-Bewegung einen neuen Aufschwung (siehe auch Wikipedia). Zu diesen Ereignissen werde ich später gesondert Stellung nehmen.

Nachdem die Welle der Gewalt Mitte Oktober auch in Enugu State angekommen war, mussten die Schulen erneut geschlossen werden, es gab Ausgangssperren, die von der Praxis her zu einem weiteren lockdown führten.

Erst Anfang November kehrte wieder etwas mehr Ruhe ein und wir können wegen der schulischen Entwicklung endlich ein „update“ machen: Irhuoma hat den Abschluss der Mittleren Reife mit sehr gutem Erfolg geschafft. Für sie ist jetzt erst mal Schluss mit Schule. Sie hat sich entschlossen, zunächst eine Lehre als Schneiderin zu absolvieren, um dann in eine Schule für Designer zu wechseln. Ich bin sehr froh über diese Entscheidung, die viel Überredung erforderte. Aber nur so ist gewährleistet, dass sie sich auch mit den praktischen Seiten dieses Berufes auseinandersetzt.

Inmitten all dieser Turbulenzen fiel uns ein Geschenk des Himmels zu Füßen: Unser Zwerg Promise schneite ins Haus, seine traurige Vorgeschichte habe ich bereits geschildert. Nahtlos hat er sich in der Gruppe großer Brüder und Schwestern eingenistet, ist everybodys darling.

Bild rechts: Promise Enoubu Eva



Tochukwu ist in gewohnter Weise herausragend, wurde Jahrgangsbester seiner Altersgruppe. Ifechukwu und Promise haben den Übergang zur Secondary School absolviert. Es wird sich zeigen, wie sich die Fehlzeiten von fast einem dreiviertel Jahr auf die Bewältigung des Lernstoffes auswirken.

Grundsätzlich ist alles in der Schwebe: Im Dezember wurde in Nigeria offiziell die „zweite Welle“ von Covid-19 bekannt gegeben. Vor wenigen Tagen teilte der Governor mit, dass die Schulen am 18.01.2021 wieder geöffnet werden – kurz darauf wiederum war im Internet zu lesen, dass es eventuell zu einem zweiten lockdown komme, wenn sich die Fallzahlen der Erkrankungen im Rahmen von Corona weiterhin so drastisch nach oben bewegen wie in den letzten Tagen. Im Klartext: Wir hängen in der Luft. Und das, obwohl wir nach wie vor von einer hohen Anzahl von Krankheitsfällen im Zusammenhang mit der Pandemie verschont blieben.

Für mich bedeutet das in erster Linie, dass im Haus Reparaturen ausgeführt werden können, solange die Kinder in den Weihnachtsferien bei ihren Familien sind. Endlich kehren die Menschen aus dem Urlaub auf dem Dorf zurück und mit ihnen stehen auch die Handwerker parat, um Aufträge anzunehmen und auszuführen.

Eine grundsätzliche Erklärung ist noch fällig. In unserer ursprünglichen Planung war vorgesehen, dass das Haus „Nno“ für 8 – 10 Kinder konzipiert ist. Diese Planung wurde erstellt, als ich noch in Deutschland lebte. Bereits bei der Erteilung der Betriebserlaubnis durch das Ministry of Gender Affairs in Enugu wurde klar, dass Nigerianer eine etwas andere Sicht der Dinge haben. Der begutachtende Mensch zeigte sich erstaunt bei der Besichtigung der Örtlichkeiten. Er konstatierte, dass ich in jedes Bett mindestens 3 Kinder legen könne. Macht bei 10 Betten 30 Kinder. Mittlerweile sind wir bei 17 Kindern und Jugendlichen angekommen , dazu kommen noch Chioma und ich mit jeweils einem eigenen Zimmer. Oft entscheiden die Kinder selbst, wo sie schlafen möchten: wahlweise bei Chioma oder mir oder bei einem Geschwisterkind. Noch bekommen wir das ohne größere Gewissensbisse geregelt. Okwudili wird uns im April nach Beendigung seiner Schneiderlehre verlassen und seinen eigenen Hausstand gründen – so der aktuelle Plan. Es ist aber wahrscheinlicher, dass er in der Obhut seiner Mutter oder seiner Schwester eine Werkstatt eröffnet, das Alleineleben würde ihm schwerfallen. Auf jeden Fall wird dann ein Bett frei. Und im Moment bahnt sich ganz vorsichtig eine Lösung an, die all unsere Probleme langfristig lösen würde. Noch ist nichts entschieden, aber ich werde mich unmittelbar melden, in welche Richtung hier die Würfel fallen.

Äußerst erfreulich gestaltet sich auch die Arbeitsteilung. Alle Kinder absolvieren, ihrem jeweiligen Alter und Vermögen entsprechend, einen Dienst im wöchentlichen Wechsel, meist in Zweiergruppen. Dieser wird täglich absolviert in der Küche (fegen, Tisch decken, abwaschen und Geschirr aufräumen), Boden wischen, Hühnchen versorgen, im Außenbereich die Pflanzen wässern, Wäsche waschen. Der Samstag ist für mich der schönste Tag. Da vibriert das Haus, alles wuselt, es findet die Grundreinigung statt in allen Räumen. Und all das geht bei bester Laune vor sich, es wird auch gesungen und getanzt, wer Zeit hat, klimpert auf dem keyboard. Das highlight am Wochenende ist das sonntagabendliche Kochen, das unter meiner Obhut steht. Non-Igbo food ist angesagt. Überall da, wo Muskelkraft und der Einsatz von Gerätschaften gefragt sind, kommen die Jungs in Schwung. Eventuellen Zweiflern kann bereits im Vorfeld mitgeteilt werden: schwäbische Küche kommt nach anfänglicher Skepsis sehr gut an.



Bilder oben: Tochukwu schert Haare,Chiadi schaukelt, Hilfe in der Küche


Bild unten links:Okwudilis Gesellenstücke zum Abschluss seiner Lehre: Weihnachtskleidung 2020 für alle Jungs.
Bild unten Mitte: Deko-Team Joy und Ugochukwu
Bild unten rechts: einfach schön!

So anstrengend dieser große Haushalt zuweilen ist aufgrund des ständig mehr oder weniger vorhandenen Lärmpegels, dem Gefühl, stets parat stehen zu müssen für die verschiedenen Anliegen des Alltags, so befriedigend ist er. Es überwiegt das Gefühl, dass man (meist) am gleichen Strang zieht und sich bewusst ist, ein gemeinsames Ziel vor Augen zu haben.


Gesundheit

Fangen wir mit dem Thema an, das die Welt seit nahezu einem Jahr in Atem hält: Covid-19 spielt in Enugu, was die Fallzahlen angeht, eine sehr untergeordnete Rolle. Die Statistik scheint eingefroren zu sein, weist seit Wochen die gleichen Ergebnisse auf: 1.332 Fälle insgesamt seit Beginn der Zählung, davon seien 1.290 genesen und 21 verstorben. Im Vergleich zu anderen Ländern liest sich das unglaublich. Dies führte bis in den Herbst hinein zu der Überzeugung, dass dass Virus Nigeria links liegen lässt.Im Annunciation Specialist Hospital wurde bis heute kein Verdachtsfall bekannt. Bei Dr. Aninwada stellte sich in der Ambulanz vor einigen Wochen lediglich ein Mann vor, der über Husten, Abgeschlagenheit und Fieber klagte. Er wurde ins Testzentrum nach Enugu geschickt, gleichzeitig erhielt er die Standardmedikation gegen Malaria. Ein paar Tage später stellte er sich erneut vor: zum Testen sei er nicht gegangen. Er habe die Medikamente genommen und fühle sich wieder pudelwohl.

Bevor man öffentliche Gebäude wie Krankenhaus, Bank, eine Kirche oder ein Einkaufszentrum betreten darf, bestehen auch hierzulande folgende Regelungen: Gesichtsmasken sind Pflicht, die Hände müssen gewaschen werden, das Fieber wird gemessen. Wenn die Kontrolle an den Eingangstüren absolviert wurde, sieht es im Inneren schon ganz anders aus, dann legen die Meisten dieses lästige Stück Stoff sehr schnell wieder ab.

Bild rechts oben:  Der Governor macht es vor.
Bild rechts unten: Auch Emma hält sich an die Regeln

Restaurants und Hotels aber waren strikt über Monate hinweg geschlossen, die Märkte hingegen waren durchgehend geöffnet. Anders wäre der Alltag nicht zu organisieren. Längst nicht alle Menschen haben einen Kühlschrank, dies ist auch durch die mangelhafte Versorgung mit Strom gar nicht möglich. Demzufolge ist Vorratshaltung frischer Lebensmittel nicht üblich. Man geht nahezu täglich zum Einkaufen auf den Markt. Und dort werden Masken normalerweise äußerst leger unter’m Kinn bis gar nicht getragen. Ein konsequenter lockdown sieht anders aus.

Ab November stiegen dann die Fallzahlen erst langsam, dann sprunghaft an: die Flughäfen waren wieder geöffnet worden, zu Weihnachten kehrten viele Nigerianer aus dem Ausland in die Heimat zurück. Zwar wurde eine freiwillige Isolation angeordnet, es wurde jedoch nicht überprüft, ob sie eingehalten wird. Am 11.01. waren mehr als 100.000 Menschen positiv auf Corona getestet worden. Dabei muss berücksichtigt werden, dass in Nigeria die Menschen grundsätzlich nur im äußersten Notfall ein Krankenhaus aufsuchen. Viele können die Kosten für einen Arztbesuch nicht aufbringen.

Ab März 2021 soll mit der Lieferung von Impfstoff der Fa. Pfizer begonnen werden, zunächst 100.000 Dosen – bei mehr als 200 Mio. Einwohnern ist das der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.. Diese werden an die einzelnen Bundesstaaten gemäß der jeweiligen Einwohnerzahlen verteilt. Auf Enugu entfallen unter 2.000 Dosen, die kurze Notiz mit dieser Information war nach wenigen Minuten wieder aus dem Netz entfernt worden.

Einige Aufregung gab es, als in Nsukka, einer Stadt in Enugu State, im November Gelbfieber auftrat. Zunächst wurde berichtet, dass Dutzende Personen an einem zunächst unbekannten Leiden verstorben seien. Leider scheiterte eine geplante „massive“ Impfkampagne daran, dass es nicht genügend Impfstoff gab. Inzwischen wird aber auch zu dieser Diagnose nichts mehr berichtet.


HIV

Meine Einschätzung bezüglich der Sinnhaftigkeit des Einsatzes einer neuen Hilfsaktion aus den USA hat sich in vollem Umfang bestätigt. Der größte Teil der zur Verfügung stehenden Zeit wurde für die Erfassung von Daten aufgewendet. Viel mehr passierte nicht. Einmal im Monat fand – wie bereits seit Jahren – an einem Samstag eine Informationsveranstaltung für Erwachsene, Kinder und Jugendliche statt. Allerdings wurden Tests nun auch für Familienangehörige angeboten. Wir haben uns dieser Aktion Anfang Dezember unterzogen. Alle Bewohner des Hauses – ausgenommen die bereits betroffenen Kinder und Jugendlichen – wurden negativ getestet. Nach Meinung der HIV-Einheit des Krankenhauses sollen wir uns dieser Prozedur nun alle drei Monate unterziehen, was ich ablehnte. Ich halte den Test einmal jährlich für völlig ausreichend.

Im Oktober 2020 war das erste Jahr des Projektes abgelaufen, das damit in die Phase der Evaluation eingetreten war.


Augenzentrum Dr. Eckert, Nigeria / Annunciation Specialist Hospital:

Auch zu diesem Thema können keine positiven Ergebnisse berichtet werden. Wir bekamen einmalig eine größere Spende, mit der die Fliesenarbeiten fertiggestellt werden konnten.

Nach wie vor sind wir jedoch aktiv dabei, Hilfen für Operationen und Medikamente zur Verfügung zu stellen.Und hier gibt es wirklich und wahrhaftig mal richtig gute Nachrichten: Ich konnte Kontakt aufnehmen zu einer Organisation, die ein großartiges und erfolgreiches Hilfsangebot zur Verfügung stellt, die BINA-Foundation:  https://www.binafoundation.net

Bild oben links: Arbeitsmaterial
Bild oben rechts: Sozialarbeiter bei BINA Foundation
Bild Mitte links: Leadership in Nigeria
Bild Mitte rechts: Braille-Maschine
Bild unten: Computerraum

Ich habe für Mitte Februar bereits einen Patienten dort angemeldet, der wegen eines fortschreitenden Glaukoms langsam erblindet. Das Angebot ist kostenlos, der Service hervorragend. So werden Menschen, die langsam erblinden, psychologisch betreut, sie erfahren ein Haushaltstraining und alle erdenkliche weitere Unterstützung. Ich bin überzeugt, dass wir hier eine gute Kooperation aufbauen können.

Der Verwandte des in Österreich lebenden Nigerianers hat sich mittlerweile in der Augenklinik vorgestellt und wurde in zwei Terminen gründlich untersucht und beraten. Leider lässt er jegliche Kooperation vermissen, so dass der Neffe eine weitere Hilfe abgelehnt hat. Es ist also durchaus nach wie vor immer etwas los – mal mehr, mal weniger befriedigend. .

Hoffentlich kann ich wegen der Fertigstellung des neuen Gebäudes, der Außenanlagen und der Möblierung im laufenden Jahr Sponsoren innerhalb und außerhalb Nigerias auftun. Ich wehre mich dagegen, durch das Virus keine weiteren Planungen vorzunehmen.

Die IBAN des Augenklinik-Kontos lautet DE60642901200056955022,
BIC GENODESIVRW
Beim Verwendungszweck sollte angegeben werden, ob er der medizinischen Versorgung oder dem Neubau zugedacht ist.


Dialyse

Wie bereits berichtet, hat Gladys Ugwu den Kampf gegen ihre Nierenerkrankung verloren. Zu Beginn der zweiten wöchentlichen Dialyse hatte sich ihr Zustand zunächst gebessert, die enormen Wasseransammlungen in den Beinen wurden gänzlich ausgeschwemmt. Mit der Zeit wurde aber offensichtlich, wie sehr die Krankheit körperlich an ihr zehrte. Schwere Begleiterscheinungen der Dialyse traten zutage, Gladys verstarb am Abend des 07.12.2020.

Sr. Edith (Pflegedienstleitung) und ich entschlossen uns, dass die Kinder vom Tod der Mutter am nächsten Nachmittag erfahren sollten. Wir haben sie und den Vater eingeladen, Sr. Edith hat diese schwere Botschaft in einfühlsamer und kindgerechter Weise in Igbo übermittelt. Es war für alle Beteiligten eine sehr bewegende Stunde.

Bild: Eines der letzten Bilder von Gladys
Bild Mitte und rechts: Sr. Edith und 2 der Kinder von Gladys


Wenige Tage später begegnete mir ein Gedicht von Mascha Kaléko, die zu meinen Lieblingsdichterinnen gehört:

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muß man leben.

Ein Trost für mich ist, dass wir das Leiden von Gladys in ihrem letzten Jahr lindern konnten. Ihr kam die Hilfe zu, die in diesem Teil Nigerias möglich ist. Und ihre Familie war mit der Situation nicht allein gelassen. Ich bedanke mich nochmals für die überwältigende Unterstützung, die wir erfahren haben.

Lepra:

Hier kommen wir endlich bei einem Thema an, das zu unseren großen Erfolgsgeschichten zählt. Der Besuch in der Lepra-Station am Ende eines Monats ist sowohl für Dr. Aninwada als auch für mich die reine Freude, für die Bewohner ein Highlight. Es ist jedes Mal großes Kino, an dem jung und alt beteiligt sind. In der Sprechstunde machte der kleine Antony seine ersten Schritte, die Kinder sind interessierte Zaungäste, jeder hat die ihm zugeteilte Position: Arzt – Patient - Übermittler(in).

Bild oben links: Übersetzung der Erklärungen von Doc Obinna
Bild oben rechts: Mama und Baby Anthony
Bild unten links: Zaungäste
Bild unten rechts: Imbiss von Mama G.



Und auch hier können Sie gezielt helfen. Mit einer Spende für das Lepra-Camp können wir die Medikamente bezahlen und das Gehalt für Doktor Aninwada. Für die Bewohner ist es weit mehr als das: Sie bekommen Besuch, ihre großen und kleinen Sorgen werden wahrgenommen. Bei Gladys, der Mutter des kleinen Antony, konnte endlich der hohe Blutdruck befriedigend eingestellt werden. Dies wiederum ermöglichte es ihr, einen kleinen Verkaufsstand gegenüber des Camps aufzubauen. Hier verkauft sie kleine Snacks: gebratene Bananen, geröstete Maiskolben etc. an die vorüber kommenden Autofahrer. Das Camp erwacht aus seiner Isolation, nachdem seit einem Jahr eine neue Durchgangsstraße daran vorbeiführt.

Ein kurzer Hinweis auf Ihrer Überweisung genügt.

Was war / ist sonst noch los in Nigeria, u.a. #EndSars Nigeria

Zum Abschluss der für mich mit Sicherheit schwierigste Teil dieses Rundbriefes

Im Oktober 2020 bekam ich dieses Foto per WhatsApp zugeschickt und habe mich zunächst sehr über den Sprachwitz gefreut.

Diese Freude hielt leider nur wenige Tage an. Eine Gruppe junger AktivistInnen hatte sich die Abkürzung – SARS = Severe acute respiratory syndrome - ganz pfiffig „ausgeliehen“, um auf die nigerianische Variante des Begriffes SARS aufmerksam zu machen, das Special Anti-Robbery Squad (SARS), den notorisch missbräuchlich operierenden Zweig der nigerianischen Polizei. Mit viel Phantasie, Enthusiasmus und absolut gewaltfrei hat die Jugend* Nigerias Demonstrationen organisiert, auf die Polizei und Armee zunehmend mit roher Gewalt reagierte. Leider hatte die ursprüngliche Idee eines friedlichen Protestes nicht funktioniert. Das brutale Eingreifen von Armee und Polizei sorgte vielmehr innerhalb kürzester Zeit dafür, dass die Stimmung in pure Aggression umschlug, die wie eine Feuerwalze über das ganze Land raste. Unser bis dato friedliches Enugu wurde genau so überrollt wie fast alle anderen Landesteile. Lediglich aus dem hohen Norden kamen keine Schreckensbotschaften. Dort hat man vermutlich wegen Boko Haram und in deren Dunstkreis operierenden Gruppen genügend andere Probleme zu bestehen.

*Für ein grundsätzliches Verständnis bedarf es einer Erklärung:

Der Begriff „Jugend“ ist in Nigeria wesentlich weiter gefasst als z.B. in Deutschland üblich. Dort wird man in der Regel mit 18 Jahren als erwachsen behandelt (auch wenn das nicht immer der Realität entspricht). In Nigeria ist man erwachsen, wenn man sich irgendwo sesshaft niedergelassen hat. „Jugend“ ist nicht an ein Alter gebunden. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass die Schulzeit oder ein Studium sich sehr lange hinziehen kann. Kein Geld, Gebühren zu zahlen, kein Geld, um einen Beruf zu erlernen, „Lehrgeld“ zu zahlen, kein Geld, zur Universität zu gehen und die dort vorherrschenden horrenden Gebühren zu begleichen. Außerdem wird an Universitäten in schöner Regelmäßigkeit monatelang gestreikt, der Lehrbetrieb ist lahmgelegt. Oder die Uni hat kein Geld, den Lehrbetrieb aufrecht zu erhalten. Sehr oft hörte ich den Satz, wenn ich z.B. mit einem Trolley-Boy bei „Spar“ spreche oder einem Keke-Driver: Der eine hat das Studium der Economy abgeschlossen, findet aber keinen Arbeitsplatz. Der andere hat angefangen zu studieren, musste aber abbrechen, weil der Vater starb oder ein Onkel, der das Studium finanzierte. Hochintelligente, junge Menschen, deren Potential brachliegt, die keine Perspektive haben, dafür nur dieses eine Ziel: raus aus diesem Land. Studentinnen greifen häufig auf das Mittel der Prostitution zurück, praktischerweise mit einem der Professoren. Das ist allgemein bekannt und wird keinesfalls als anrüchig betrachtet.

Wenn man dann endlich ein Studium abschließen oder einen Beruf lernen konnte, wartet man darauf, dass der Staat ruft, um den sog. „Youth-Service“ zu absolvieren – der Dienst, den die „Jugendlichen“ dem Heimatland abzuleisten haben, in allen möglichen Bereichen, wo es an Arbeitskräften mangelt. Die Jugendlichen sind bis dahin meist Erwachsene bis zu 35 Jahren oder darüber. Bevor sie die Bestätigung schriftlich in Händen halten, dass sie den Service geleistet haben, werden sie nirgendwo angestellt. Denn bis diese vielen jungen Menschen endlich zu einem Einsatz gerufen werden, kann es dauern. Es sind einfach zu viele für zu wenig Einsatzmöglichkeiten.

Kurz: es handelt sich bei der Bewegung nicht ausschließlich um Grünschnäbel, sondern um Menschen mit Lebenserfahrung, mit dem Willen, sich durchzubeißen und Verantwortung zu übernehmen. Auf jeden Fall mit dem Willen, die alten leader von ihren einträglichen Stühlchen zu entfernen und 90 Prozent der Polizisten und der Armee gleich mit.

Statt mit diesen klugen und motivierten Menschen in einen Dialog zu treten, trat das hässliche Gesicht der Staatsmacht offen zutage. Zunächst wurde die sogenannte Jugend für die aggressiven Ausschreitungen verantwortlich gemacht, die auch Todesopfer forderten. Als sie sich zurückzogen, übernahmen unorganisierte Banden die Herrschaft – ebenfalls überwiegend junge Leute, die noch nie im Leben in diesem Land eine Chance hatten. Einkaufszentren wurden geplündert und zerstört, öffentliche Gebäude in Brand gesetzt, Banken demoliert – der Mob bekam die Oberhand und zog marodierend durch die Straßen... Es haben sich furchtbare Szenen abgespielt. Menschen auf der Flucht wurden in den Rücken geschossen und getötet. Es war nicht auseinander zu halten, ob durch Polizei, Armee oder durch die blindwütige Masse.












Fotos: FirstBank in Emene, die bis heute nicht instandgesetzt wird

Link zu einem Artikel über eine zerstörte SPAR-Filiale in Lagos. Sehr motivierend die reaktion des Großkonzerns!

Ganz zum Schluss beteiligten sich auch die Älteren. Es wurden sog. Palliativ-warehouses geöffnet und ausgeräumt, in denen die Obrigkeit ab März 2019 gespendete Lebensmittel gehortet hatte, die zur Ausgabe in Zeiten der coronabedingten Not gedacht waren. Nur hatten die Verantwortlichen diesen Zeitpunkt meist nicht als für gekommen erachtet oder sich vielmehr selbst bedient. Ein Governor führte zur Erklärung an, er habe mit der Verteilung zur Feier seines Geburtstages beginnen wollen. Mittlerweile waren verderbliche Lebensmittel unbrauchbar geworden. Solches ist auch in Enugu geschehen, was das Vertrauen in den bisher geschätzten Governor vermutlich nachhaltig erschüttert hat. Trotz des erneuten Skandals verliefen diese Aktionen friedlich und geordnet. 


















https://www.premiumtimesng.com/regional/ssouth-west/422371-just-in-stampede-in-lagos-as-residents-break-into-covid-19-palliatives-warehouse.html

Ein Umdenken innerhalb der jeweiligen Institutionen – Polizei, Armee, Regierung - hält hier niemand für realistisch. Vielmehr war die 2017 offiziell bereits einmal aufgelöste SARS durch eine neue Gruppe, SWAT, ersetzt worden. In der Realität ist lediglich der Name neu, das Personal ist überwiegend das gleiche.

Um es auf den Punkt zu bringen: Es war der absolut friedliche Versuch des Aufstands einer hochmotivierten Generation, gebildet, mit Köpfchen und Visionen. Die Antwort darauf war bitter. Der Staat ist an solchen Denkern nicht interessiert. Zu meiner Freude ist die Bewegung dennoch nicht kleinzukriegen, sie wächst. Wenn Menschen außerhalb Nigerias die vielen Chats sehen würden, die ich bekomme, hätten sie an dieser Aufbruchstimmung ihre helle Freude. Mittlerweile waren nämlich auch unterstützende Stimmen laut geworden aus dem Bereich von Menschenrechtsorganisationen in Nigeria:

https://punchng.com/survivors-of-awkuzu-sars-said-squad-sold-body-parts-of-executed-victims-nwanguma-rulaac-exec-dir/

Solche Publikationen sind ungemein wichtig und motivierend, auf dem einmal eingeschlagenen Weg fortzufahren.

Mich persönlich belasteten nicht nur die Unruhen selbst, die zur Schließung der Schulen, zu Ausgangssperren und Schießereien mit Todesopfern auch in Emene geführt hatten, sondern das völlig fehlende Interesse der sog. westlichen Welt an dem, was hier stattfand. Wie ich bereits an anderer Stelle schrieb, habe ich das Gefühl, dass außer Covid-19 und seinen Folgen nur sehr wenig Dinge es wert sind, in der deutschen Presselandschaft Interesse zu erwecken. Ein Essay des Schriftstellers Wole Soyinka aus der taz war das Einzige, was ich zu dem Thema zugeschickt bekam. Zum ersten Mal seit Jahren überkam mich eine unendliche Traurigkeit: wir werden nicht mehr wahrgenommen. Europa igelt sich ein, wirft keinen Blick mehr nach außen. Wir könnten hier vor die Hunde gehen, es interessiert nicht.

Irgendwann dachte ich aber, das Warten auf einen Zuspruch von außen hat keinen Sinn. Wir sind auf uns gestellt, also müssen wir uns selbst helfen. Denn von Seiten der „Jugendlichen“ kamen ja durchaus Impulse und Beiträge zu dem, was so offensichtlich im Argen liegt. So habe ich mich entschlossen, eine kleine Gruppe Gleichgesinnter zu suchen, in der wir diskutieren können, um zum Beispiel ein Modell „Friedensarbeit in Enugu“ aufzubauen. Dies ist mittlerweile geschehen. Ein wunderbares Gefühl! Für den Moment können wir zwar nicht praktisch handeln, aber auch gemeinsam denken und träumen hilft. Und wir werden Unterstützung aus Deutschland bekommen, auch das ist bereits in Planung. Endlich geht es mir wieder gut und ich habe das Gefühl, dass etwas vorwärts geht.

Insofern hat sich das Hadern mit diesem Rundbrief letzten Endes doch ausgezahlt und mündet in dem Wissen, dass zwar mit Sicherheit nicht alles gut wird, dass aus dem Chaos aber doch ein Ziel erwächst.

Ein immens wichtiger Aspekt darf allerdings auf keinen Fall vernachlässigt werden: Entgegen skeptischer Rückmeldungen von anderer Seite haben wir noch nie eine so große Unterstützung in finanzieller Hinsicht erfahren wie im vergangenen Jahr. Das ist überwältigend. Trotz der gigantischen Teuerungsrate im Land, vor allem im Bereich der Lebensmittel (dass z.B. Zwiebeln zum Luxusartikel werden, war einen Artikel in der nigerianischen Presse wert), muss ich bei der Versorgung der Kinder keine Abstriche machen. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ich kann Äpfel und H-Milch, sogar Yoghurt im Supermarkt kaufen, ohne in die Knie zu gehen, auch frischen Salat. Über Dr. Obinna werden Kartoffeln aus dem Hochland direkt an unser Tor geliefert. Beim Vater von Robert, dem Künstler unseres diesjährigen Kalenders, können wir ein Schweinchen kaufen, und unsere künftige Vorratshaltung ist dank einer Großspende gesichert. Durch sie ist u.a. der Kauf einer größeren Tiefkühltruhe für unseren zunehmenden Bedarf sichergestellt. Ich habe allen Grund, sehr dankbar zu sein und tue dies hiermit ausdrücklich kund.

Und damit kommt endlich ein Schluss-Satz:

Macht’s gut, bleibt gesund, bitte denkt ab und zu an uns, begleitet uns. Das tut uns gut und hilft enorm weiter.

Herzliche Grüße aus der Hitze – Gabi aus Emene


Hier noch ein Link zu eine Artikel 
The roots of the #EndSARS protests in Nigeria

Video: What is SARS 


Und hier geht´s zum FOTOALBUM zum Rundbrief vom Januar 2021